Fotos: Dr. Hans-Peter Marschall
Rechte beim Kirchenkreis Niederberg

Stadtkirche Wülfrath

Wie eine Henne, die über ihre Kücken wacht, steht die heutige evangelische Stadtkirche in Wülfrath seit über hunderten von Jahren inmitten eines Ringes alter Fachwerkhäuser auf dem Wülfrather Kirchplatz. Erstmals wurde die Kirche in Wülfrath in einer Urkunde des Klosters in Kaiserswerth um 1300 als Pfarrkirche der vier HohnschaftenPüttbach, Erbach, Flandersbach und Rützkausen erwähnt. Die Stadtkirche geht auf eine frühmittelalterliche, um 1000 n.Chr. datierte Saalkirche mit Rechteckchor zurück. Mauern dieser ersten Kirche sind noch heute unter dem nördlichen Seitenschiff erhalten. Die heute erhaltene Stadtkirche, die aus Sandstein und Tuffstein besteht, ist ein dreischiffiger Bau mit einem vorgesetzten Kirchturm. Das älteste, nördliche Seitenschiff stammt aus der romanischen Zeit. Fünf romanische Rundbogenfenster befinden sich dort auf der Nordseite. Erst durch eine Restaurierung in den 60er Jahren wurden diese wieder freigelegt. Zuvor befand sich darüber eine bis 1804 genutzte Kirchspielschule.

Foto: Dr. Hans-Peter Marschall
Rechte beim Kirchenkreis Niederberg

Um 1400 wurde das gotische Mittelschiff der Kirche erbaut, welches in Osten in einen um vier Stufen erhöhten Chor endet. Dieser ist geprägt von fünf gotischen Fenstern, die durch ihren Lichteinfall den gesamten Kirchraum prägen. Das südliche Seitenschiff ist erst nach 1500 errichtet worden. Es ist, als spätgotisches Bauwerk, rund einen Meter höher als das Mittelschiff. Sieben hohe Spitzbogenfenster charakterisieren diesen letzten Bauabschnitt der Kirche. Nur eines der ursprünglichen Fenster ist erhalten geblieben, da es bis 1963 durch die Kirchenorgel verdeckt wurde, die übrigen Fenster wurden 1840 ausgetauscht. Im Zweiten Weltkrieg sind drei der Fenster zerstört worden und diese wurden in Anlehnung an das Originalfenster in den 60er Jahren erneuert. Der Kirchturm der Stadtkirche, der trutzig über dem historischen Stadtzentrum thront, stammt noch aus der romanischen Zeit und besitzt eine Höhe von 26,9 Metern. In Kriegszeiten hatte der Turm einst die Funktion eines Bergfrieds. Der Dachraum über dem Kirchengewölbe war auch Kornsöller und Aufbewahrungsort für, in Kisten und Kasten hinterlegte WertgegenständeWülfrather Bürger. Noch heute ist im Dach des Mittelschiffes eine Öffnung zu sehen, durch die früher die Lasten emporgezogen wurden. Dazu eine Anekdote:

1641 verweigert sich der damalige Küster die Kirche für Wülfrather aufzuschließen. Es wird ihm vorgeworfen, er habe sich von "Ausheimischen" bestechen lassen und deren Kisten heimlich in die Kirche geschafft. Zwei "Kirchmeister" werden beauftragt die fremden Kisten und Kasten "also paldehauß uff den Kirchhoff" setzen zu lassen. Daraufhin gibt es eine Kennzeichnungspflicht für Wülfrather. 1643 ist der Kirchspeicher so voll, dass man befürchtet, das Deckengewölbe würde einstürzen.

Im Jahr 1578 wütete ein Brand in der Kirche und beschädigte Turm und Dach, aber auch zahlreiche Gebäude der Umgebung. Um einen Wiederaufbau zu finanzieren, erlaubte der Herzog Wilhelm dem "Dorf und Kirchspiel Wulfrod" vier freie Jahrmärkte. In Erinnerung daran findet in der Adventszeit heute jedes Jahr der "Herzog-Wilhelm-Markt" auf dem Kirchplatz statt. Erst 1660  wurde das provisorische Kirchdach, das nur aus Holzspanne bestand, durch ein Pfannendach ersetzt. Doch 1678, genau 100 Jahre nach dem ersten verheerenden Brand, zerstörte ein erneuter Brand den hölzernen Dachstuhl der Kirche und vernichtete alle dort lagernden Gemeindeunterlagen, sowie die Kirchenglocken. Durch eine Spendenaktion in allen bergischen Gemeinden konnten Dach und Turm bereits 1679 repariert werden.

 

Von der bewegten Vergangenheit der Kirche von einer romanischen Basilika bis hin zu einer reformierten Kirche spiegeln die verschiedenen Baustile der Kirche sowie die Kirchenausstattung, die aus unterschiedlichsten Epochen stammt. So sind Kirchenorgel, Kanzel und ein im 20. Jahrhundert ersetztes Chorgestühl aus der barocken Zeit. Die Kirchenorgel wurde 1705 durch den Ratinger Orgelbauer Widtmannerbaut und gehört damit zu den ältesten barocken Schleifladenorgeln Westdeutschlands. Leider wurden die originalen, noch zum Teil aus Holz bestehenden Orgelpfeifen bei der großen Renovierung in den 60er Jahren ersetzt und die Orgel von ihrem angestammten Platz neben der Kanzel auf eine eigens dafür geschaffene Orgelempore versetzt. Ein romanisches Taufbecken, das 1702 entfernt wurde, um einen Predigerstuhl Platz zu schaffen, wurde bei der Restaurierung in der Füllung des Fußbodens im südlichen Seitenschiff wiederaufgefunden. So konnte es mit einer Bronzeschale versehen wieder an seinem ursprünglichen Platz aufgestellt werden. Eine Besonderheit sind die im Chorraum angebrachten Wand- und Deckenmalereien. Diese sind in die Zeit von 1450 zu datieren. Es handelt sich hierbei um Kalkmalereien, bei denen auf das Mauerwerk eine dünne Putzschicht aufgetragen wurde, die dann mit einer Kalktünche überzogen wurde. Auf diese Kalkschicht wurde danach die eigentliche Malerei gefertigt. Die Malereien zeigen Passionsszenen und Heiligendarstellungen. Im Laufe der Jahrhunderte sind die vielen Wandmalereien, die in der übrigen Kirche angebracht waren bis zu zehn Mal übertüncht worden, so dass jetzt nur noch Farbreste oder Konturen sichtbar sind. Christus als Weltenrichter, der im Gewölbe des Chores zu sehen ist, lässt erahnen, in welcher Farbenpracht die Kirche einst erstrahlte.

Eine weitere Besonderheit sind die im Chorraum platzierten Abendmahlstische, die im Halbkreis  aufgestellt sind und an denen die Gemeinde zur Feier des Abendmahles Platz nimmt.

Pfarrer Thomas Rehrmann

 

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